Immer wieder erste Platten (junge welt, 31.12.11)

Januar 3, 2012

30 Jahre Abwärts, Neubauten, Palais Schaumburg, 25 Jahre Cpt. Kirk &, 20 Jahre Blumfeld, zehn Jahre Parole Trixi – bei Alfred Hilsberg stapeln sich die Jubiläen

Es ist 1976, und Alfred Hilsberg traut seinen Augen und Ohren nicht. Er läuft in London Menschen über den Weg, von denen jeder einzigartig aussieht und einer wilder als der andere. Sie treffen sich, um eine aggressive, schlimm-schöne Musik zu hören oder gleich selbst zu spielen. Der Journalist aus Norddeutschland ist überwältigt.
 Zu gleichen Teilen aufgewühlt und enthusiasmiert fährt er nach Hause. Dort herrscht eine völlig andere Stimmung. Hilsberg erlebt sie in den sogenannten K-Gruppen. Dabei handelte es sich um linksradikale Splitter- und Kleinstparteien, die aus der 68er-Bewegung entstanden sind. Zu ihnen gehören auch einige, die mal in die Betriebe gegangen waren, um Arbeiter zu agitieren. Doch nur wenige Proletarier wollten sich etwas vom revolutionären Pferd erzählen lassen. Für die Agitatoren ist das nicht ohne Folgen geblieben. Sie haben erst ihr Innenleben entdeckt und sind anschließend dazu übergegangen, es sich gegenseitig vorzuwerfen. Ihr Selbstverständnis hat sich dadurch umgekehrt. Nicht sie gehören zu einer Minderheit, sondern die Bourgeoisien aller Länder. Nicht sie bilden Randgrüppchen, sondern alle anderen.

Darunter Jugendliche. In den 50er Jahren sind sie von aufmerksamen Geschäftsleuten als Markt entdeckt und aufgebaut worden, doch seitdem ist niemandem mehr etwas Neues zu ihnen eingefallen. Das ist ihnen auf ihr Selbstbewußtsein geschlagen. Mittlerweile bewegen sich die meisten von ihnen durch die Gesellschaft wie Lemuren. Keiner muß mit Jugendlichen rechnen, und daher hat niemand mit ihnen zu tun, außer Lehrern und Polizisten.

Kurz vor Weihnachten kommen im englischen Fernsehen ein paar von ihnen zu Wort. Es handelt sich um die Mitglieder und ein paar Freunde der Band »The Sex Pistols«. Sie sitzen mit Bill Grundy im Studio. Der betrunkene Moderator der »Today«-Show fragt die Sängerin ­Siouxsie Sioux, ob sie sich später mit ihm treffen wolle. Darauf nennt ihn der Gitarrist der Band, Steve Jones, unter anderem einen »schmutzigen, alten Mann«. Grundy fordert Jones auf, ihn weiter zu beschimpfen, was der sich nicht zweimal sagen läßt. Die am Nachmittag ausgestrahlte Unterhaltung eskaliert in Sekunden zu einem landesweiten Fernsehskandal. Ab dieser Sendung macht der Begriff »Punk« als Medienphänomen Karriere.

Alfred Hilsberg bucht zur selben Zeit zwei andere englische Bands, die Vibrators und die Clash, für deren erste Konzerte in Hamburg. Er schreibt für die Zeitschrift Sounds über die neueste Musik. Als er wieder einmal mit einem Redakteur einen Text durchgeht, kommt Hilsberg auf den Begriff »Neue Deutsche Welle«. Er bittet darum, ihn nicht zu verwenden. Der Redakteur sichert Hilsberg sofort zu, daß er sich da überhaupt keine Sorgen zu machen brauche. Sein Artikel erscheint dann mit der »Neuen Deutschen Welle« als Unterüberschrift. Den Erfinder des Schlagworts bestrafen seine Leser mit dem nie mehr abzuschüttelnden Titel »Punk-Papst«.

Im Dezember 1979 veranstaltet Hilsberg ein Festival unter dem Titel »Geräusche für die 80er«. Im Frühjahr erscheint ein Mitschnitt des Abends auf dem Label ZickZack. Hilsberg veröffentlicht dort bald in immer kürzeren Abständen, in den schnellsten Zeiten releast er täglich eine neue Platte. Andere teilen mit Argumenten aus, Hilsberg schmeißt mit Musik um sich. Ohne Furcht vor der Kulturindustrie, ohne einen Gedanken ans Finanzamt und ohne Rücksicht auf seinen Körper. Im Prinzip ist es immer so weitergegangen, und längst stapeln sich die Jubiläen. Vor gut 30 Jahren erschienen die Debüts von Abwärts, von den Einstürzenden Neubauten und von Palais Schaumburg. Vor 25 Jahren »Stand Rotes Madrid« von Cpt. Kirk &. Vor 20 Jahren nahmen Blumfeld »Ich-Maschine« auf und Cpt. Kirk &. bereiteten ihre zweite Platte »Reformhölle« vor. Vor bald zehn Jahren kam »Die Definition von süß« von Parole Trixi raus. Hilsberg veröffentlicht bis heute immer wieder erste Platten. So von Jens Friebe, von den Woog Riots oder von 206. Demnächst von Bessere Zeiten und Doctorella.

Bevor ich von Hilsberg hörte, hörte ich von anderen, die mit ihm zu tun hatten. Einer kam Anfang der achtziger Jahre aus Berlin angereist, als bei mir die sechste Schulstunde zu Ende war. Ich radelte schnell nach Hause, um die Sendung »Musik für junge Leute« auf NDR 2 zu hören. Der Moderator Klaus Wellershaus hatte Blixa Bargeld, den Sänger der Einstürzenden Neubauten, eingeladen. Wellershaus gab sich Mühe, mit seinem Gast ins Gespräch zu kommen. Er fragte: »Blixa, du hast mal gesagt, daß dir Berlin sehr wichtig ist. Kannst du das, was dir diese Stadt bedeutet, beschreiben?« Es folgte: Atmen. Darauf war Bargeld zu hören, wie er sich in seiner Kleidung bewegte und auf einer Sitzgelegenheit rutschte. Dazu rückte er Aschenbecher oder Getränke zurecht und räusperte sich. Bargeld hatte zu tun, auch ohne Worte. Er meinte es gut, als er schließlich antwortete: »Marlene Dietrich.« Jetzt räusperte sich Wellershaus. Er war genauso von Bargeld überfordert, wie der sich vorher von dessen Frage oder von dem Akt des Befragtwerdens überfordert gezeigt hatte: »Ähm, Blixa, kannst du erklären, was du damit meinst?« Atmen, Rutschen, Rücken, Räuspern. Dann ein Studiogast, der es nun nicht mehr ganz so gut meinte: »Nö.

Kurz vorher hatte Hilsberg »Kollaps« von Einstürzende Neubauten rausgebracht. Nicht nur vor dieser, sondern auch vor anderen Platten dieses Labels hatte ich Angst. Vor dem, was darauf zu hören war, vor den Leuten, die das spielten, und auch vor Hilsberg selbst.

Kurz darauf erlebte ich wieder jemand, der mit ihm zu tun hatte, in der Hamburger Markthalle. Dort veranstaltete ZickZack Festivals unter Titeln wie »Sehr gut kommt sehr gut« oder »Lieber zu viel als zu wenig«. Bei einer dieser Veranstaltungen trat Götz Achilles als Moderator auf die Bühne. Achilles begann ein Geographiequiz. Eine Frage lautete: »Wo liegt Hilsberg?« Einige Besucher achteten darauf, sich nichts anmerken zu lassen. Lieber wollten sie bedeutungsvoll schweigen und die Jacken, die sie trugen, für sich sprechen lassen. Auf denen stand »Vorkriegszeit«.

Einige andere johlten und schrieen. Damit wollten sie ihre Entschlossenheit beweisen, jeden, der die Bühne betrat, und alles, was er dort machte oder sagte, für einen Witz zu halten. Außerdem lag ihnen daran – nicht, weil sie so schlau waren, sondern weil sie furchtbare Angst hatten, für dumm gehalten zu werden – zu zeigen, daß sie diesen Witz immer noch etwas besser verstanden als jeder sonst. Dabei hatte niemand versucht, ihnen etwas anderes zu unterstellen. Wären sie gefragt worden, ob sie lieber selber auf der Bühne stehen wollten, hätten sie das womöglich entschieden abgestritten. Aber sobald das jemand anders tat, faßten sie das nicht als Ermunterung, sondern als Kränkung auf.

Einer dieser verdrucksten, gereizten Rebellen schrie Achilles deshalb zu: »Du blöder Wichser!« Achilles reagierte freundlich: »Ja, ich bin ein Wichser.« Er machte eine Pause, bevor er fortfuhr: »Und ich hoffe, du bist auch einer. Ich hoffe schwer, daß du auch ein Wichser bist.«

Die Markthalle wurde darauf augenblicklich ruhiger. »Also, wo liegt Hilsberg«, wiederholte Achilles seine Frage. Jetzt hörten mehr Leute ziemlich aufmerksam zu. Nach einer weiteren Pause sagte Achilles: »Hilsberg liegt unterm Tisch im Raum 19 der Markthalle.«

Ein weiteres Mal war die sechste Schulstunde vorbei und das Radio an. Alfred Hilsberg sagte: »Punk hat mich um des Punk willen nie, niemals, nie interessiert. Jürgen Kramer, 360 Grad.« Nie, niemals, nie. Seine Stimme hatte einen trockenen Schmelz, der sich sofort angenehm in meinen Magen senkte. Auf mich wirkte sie wie auf andere Leute Christian Brückner, wenn der für den deutschen Kinogänger Robert de Niro synchronisiert. Heute wundert mich, daß Hilsberg nicht öfter zu Sprecheraufnahmen in Rundfunk- oder Fernsehstudios gebeten wird.

Als ich ihn später bei weiteren Abenden in der Markthalle sah, hatte er einen schwarzen Anzug an. Um seinen Hals lag ein langer, weißer Schal. Den Schal hat er irgendwann abgelegt. Aber schwarze Anzüge trägt er bis heute.

Die sind ihm wichtig, weil er andere Kleidung nicht mag. Vielmehr zeigt er mit den Anzügen an, womit er nichts zu tun haben will. Ich vermute: den USA. Das würde auch erklären, warum Hilsberg seine schwarzen Anzüge nie abgelegt hat. Denn auch die USA sehen ja in weiten Teilen noch so aus wie immer.

Weder Blixa Bargeld noch Götz Achilles oder Jürgen Kramers Fanzine 360° konnten daran viel ändern. Ganz zu schweigen von Christian Brückner. Gegen die USA läßt sich aus Hilsbergs Sicht womöglich nichts tun, außer sich zu vergewissern, daß man selber noch da ist. Insofern liefert er ein Beispiel dafür, wie Europa sich seiner selbst vergewissert. Unter anderem mit kulturschockierenden Tonträgern und einem bestimmten Look. Zugespitzt gesagt, steckt in Hilsbergs schwarzen Anzügen seine Amerika-Kritik.

Apropos Kritik. Auch dieser Labelchef mußte sie in den letzten 30 Jahren das eine oder andere Mal über sich lesen oder anhören. Bestimmt hat das jedes Mal der Wahrheitsfindung gedient. Damit hier kein Mißverständnis entsteht: Es mag Musiker und Bands geben, die Gründe haben, auf Hilsberg schlecht zu sprechen zu sein. Manchem war der Ärger bekanntlich wichtig genug, um darüber miserable Platten zu machen oder in Interviews sein Mütchen zu kühlen.

Aber einer Reihe seiner Kritiker mag es schon einen roten Kopf beschert haben, daß Hilsberg nie den Eindruck machte, sein Geld im Schweiße seines Angesichts zu verdienen. Sie hatten gehört, daß im Musikgeschäft gewiefte, »böse« Plattenfirmen die »guten«, armen Bands und Musiker »über den Tisch ziehen«. Deshalb entschlossen sie sich, in Hilsberg eine besondere Gelegenheit zu sehen. Wenn sie schon kein Neue-Deutsche-Welle-Star werden konnten, so wollten sie sich doch wenigstens als ein Rock’n’Roll-Opfer fühlen. Ganz wie früher, in den sechziger Jahren, als sich erst die Rolling Stones und danach die Beatles von dem Geschäftsmann Allen Klein um Geld betrogen wähnten. Bands, die für ZickZack oder weitere Hilsberg-Firmen Platten machten, scheiterten zwar oft genug daran, die nächsten Beatles oder die neuen Rolling Stones zu werden. Doch genau deshalb wollten sie es sich nicht nehmen lassen, Hilsberg zu ihrem ganz persönlichen Allen Klein aufzubauen.

Viel darum gekümmert hat er sich nicht. Es gab und gibt wohl immer Wichtigeres zu tun, zum Beispiel immer weiter Anlässe finden. Hilsberg wollen sie einfach nie ausgehen. Auch nicht nach mehreren Jahrzehnten zwischen der Behauptung eines angeblichen Endes der Geschichte und dem womöglich nicht so angeblichen Ende der Musikindustrie. Einer hat es währenddessen geschafft, mit einer linksradikalen Plattenfirma Mal um Mal neu anzufangen. Man möchte ihn schon fragen: Herr Hilsberg, wie haben Sie das gemacht?

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2 Antworten to “Immer wieder erste Platten (junge welt, 31.12.11)”

  1. fischyou said

    bei zickzack hab ich meine ersten LPs bestellt, yo. (in die schweiz)

  2. Peter said

    Ach ja, Götz Achilles kann man vermissen…

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