Kristof Schreuf im Interview mit Christina Mohr (satt.org)

April 21, 2010

„Spex und Konkret überschlagen sich vor Begeisterung: Zur „Platte der Ausgabe“ und sogar zum „besten deutschen Album der letzten Jahre“ wurde „Bourgeois With Guitar“ gekürt. Dabei gibt es auf Kristof Schreufs Soloalbum nur wenig deutsche Texte zu hören, auch ein vorangestelltes, alles erklärendes „Manifest“, wie es seit kurzem in Mode gekommen ist, sucht man vergebens. Stattdessen: Zwölf ziemlich kurze Stücke, alle Titel englisch, augenscheinlich Coverversionen. Aber Halt: „Coverversionen“ sind es nicht, die der Ex-Sänger und Texter von Kolossale Jugend auf „Bourgeois With Guitar“ präsentiert. Viel mehr Neu-Kombinationen, Aneignungen, Umgestaltungen, Skizzen auf Basis von Versatzstücken bekannter Songs: So klingt der Text von The Whos „My Generation“ zur Folk-Melodie von „Scarborough Fair“ gesungen zwar weniger brachial, aber umso eindringlicher. „Let There Be Rock“ gewinnt durch den Verzicht auf dick-eieriges Abgehen Tiefe und Charme, „Search & Destroy“ wirkte nie zwingender als in Kristofs kluger, zärtlicher Interpretation und in den Discohit „Last Night A DJ Saved My Life“ passen bei Schreuf noch „Miss You“ von den Rolling Stones, „Blank Generation“ und „Don’t Let Me Be Misunderstood“ – assoziativ verknüpft, harmonisch wie die Faust im Auge. Wer Kristof Schreuf als Kolossale Jugend- und Brüllen-Shouter in Erinnerung hat oder jemals einem Auftritt seiner AC/DC-Coverband Bon Scott beiwohnte, wird überrascht sein: „Bourgeois With Guitar“, produziert von Tobias Levin, ist auch die Entdeckung einer Stimme, die sanft, samtig und ja, soulful ist. „Let There Be Light / And There was Light!“

Christina Mohr hat Kristof Schreuf einige Fragen zum Album gestellt:

◊ ◊ ◊

Christina Mohr: Hast du das aktuelle Monopol-Heft gesehen? „Vive la Bourgeois“ steht drauf! Ok, es geht um Louise Bourgeois, aber trotzdem. Passt doch prima! Warum hat es so lange gedauert, bis „Bourgeois With Guitar“ fertig war? Die Platte war ja schon seit einiger Zeit angekündigt….

Kristof Schreuf: Ich wollte
– nach „Schatzitude“, dem ersten Album von Brüllen, das nächste Album von Brüllen angehen,
– Filme drehen,
– mit Ingo Koglin, einem Singer/Songwriter, an dessen Platte arbeiten
– und nicht zuletzt das Buch „Anfänger beim Rocken“ zu Ende schreiben.

Mittlerweile möchte ich nur noch an der nächsten Brüllen-Platte schrauben und „Anfänger beim Rocken“ fertigkriegen. Andernfalls bekommt Jens Friebe, dieses schlaksige Sexsymbol, im Nachfolger für „52 Wochenenden“ eine weitere Gelegenheit, witzige Apercus auf mich loszulassen.

… und bist du jetzt mit dem Ergebnis zufrieden?

Kristof: Sehr.

Warum magst du französische Albumtitel (Wie z.B. das Kolossale Jugend-Album „Heile Heile Boches“)?

Kristof: Weil Ingrid-Mutter für ihre Kinder französische Namen wollte. Günter-Vater fiel darauf Danielle Darieux ein, weshalb beider Tochter mit Vornamen nach der Schauspielerin heißt. Wie die Diskussion bei dem Sohn Kristof lief, weiß ich nicht. „Kristof“ lässt sich aber zumindest etwas französisch betonen: „Kries –toff-ääh“.

Wie und wann ist die Idee für diese Platte entstanden?

Kristof: Durch den Regisseur Oliver Schwabe vor zwei, drei Jahren. Da hat Olli mich gefragt, ob ich nicht ein bisschen in seiner Musik-Doku „My generation – der Soundtrack der Revolte“ mitmachen würde. „Ich habe eine Reihe Szenen, „erklärte Olli, „ aber ich brauche zwischen den Szenen Brücken. Kannst du mir die liefern?“ So kam es, dass ich bald darauf in einem Raum mit weißem Hintergrund in Hamburg-Niendorf stand, in einem Studio des NDR, und ein bisschen sang und spielte. Nachher sagte Olli, dass ich aus diesen Liedern eine Platte machen sollte. Er hat das dann noch ein paar mal und ziemlich eindringlich wiederholt.

Im Moment glühen die Feuilletons wegen Copyrightsdiskussionen und dem Themenkomplex Klauen/Kopieren/Samplen (siehe Helene Hegemann/Airen „Axolotl“/“Strobo“), aber auch Tocotronic wehren sich mit Songs wie „Mach es nicht selbst“ vehement gegen Urheberschaftsdiktat…

Kristof: Du meinst die Diskussionen um „authentisch“ und „nicht authentisch“? Für authentisch gehalten wird ja zum Beispiel: Die alte Zeit, wann immer die war. Fleiß, Anstrengung. Schweiß. Handgemachte Musik. Deutsche Wertarbeit. Emotionen, angezeigt durch Rumschreien und Heulen, wie es Menschen müssen, die im Fernsehen in vielen Formaten auftreten. Authentisch ist ansonsten noch mein Schwein, das auf dem letzten Loch pfeift.

Unauthentische Kunst präsentieren zu können, ja, unauthentisch zu sein, wird dafür zur Zeit als besonderes Qualitätsmerkmal ausgegeben. Aber keiner ist clever oder elegant, weil er zitiert. Keiner hat Mut, weil er sich in Fragen des geistigen Eigentums wenig zimperlich zeigt. Keiner ist souverän, weil er so sehr neben sich steht. Finden aber viele trotzdem. Deshalb wirkt das Unauthentische zur Zeit wie das neue Authentische. Etwas Besseres als authentisch und unauthentisch finden wir – hoffentlich bald.

… Da passt deine Platte ja wie die Faust aufs Auge: warum besteht das erste Kristof Schreuf-Soloalbum aus Bearbeitungen/Neu-Zusammensetzungen bereits existierender Songs?

Kristof: Wegen der Freude am Immerweitermachen. Die geht so: Da hat jemand anderes etwas gebastelt. Hat bestimmt Spaß gemacht. Jetzt möchte ich mal sehen, ob es Spaß macht, diesem Etwas einen anderen Anstrich, eine neue Richtung, einen tollen Effet zu geben.

Eine theoretische Legitimation für so ein Vorgehen hat der DJ Westbam mal im Interview geliefert. Er sprach davon, dass ein Missverständnis in der Rezeption darin bestünde, Platten immer als fertige Kunstwerke zu betrachten. Als Originale, denen sich nichts mehr hinzufügen ließe. Ich habe mich dann gefragt, was meine Auffassung von einem so genannten Original sein kann. Als Ergebnis kam heraus, dass das Original von seiner Verbundenheit zu irgendeiner Scholle lebt. Man erkennt es an seinem Gehabe oder seinem Gerede. Zugute kommt dem Original die Übereinkunft, dass man es gewähren lassen soll, weil es zwar skurril, aber gerade deswegen doch liebenswert sei. Man verzeiht ihm vieles. Denn das Original ist ein Dorftrottel der Kultur. Der muss nicht das letzte Wort behalten. Zumindest nicht, wenn ich noch etwas auf Platte sagen will.

Warum nur ein „eigener“ Song?

Kristof: Es sind drei eigene Songs, obwohl nicht mal einer geplant war. Von „Breaking the law“ ist vom Original irgendwann nur noch der Titel übriggeblieben. Und den haben Judas Priest ja nicht erfunden. „You shook me all night long“ enthält zwar zwei Zeilen, die AC/DC ebenfalls verwendet haben. Aber auch nicht als einzige. „You shook me“ heißt auch ein Song der frühen Led Zeppelin.

Warum ist es für dich reizvoller, bestehendes „Material“ zu bearbeiten, als genuin neue Songs zu schreiben?

Kristof: Reizvoll finde ich beides. Für die nächste Brüllen-Platte sitze ich an Stücken, die von anderen nicht mal den Text verwenden.

Wie kamen die Songs zusammen? Ich stelle mir das ja so vor, dass man seine Lieblingssongs vor sich hin singt und auf einmal merkt, „hey, als Folksong hört sich xy ja noch besser an“ oder „Miss You und „Last Night a DJ…“ gehören eigentlich zusammen. Und die testosteronschwangeren Hardrock-Stücke gehören endlich mal ein bisschen gesoftet – wie bist du vorgegangen? Und wann weißt du, was wie gemacht werden soll? (z.B. warum ist in „Last Night…“ auch „Blank Generation“ drin?)

Kristof: Die Songs mussten keine Lieblingssongs sein. Es brauchte bloß einen Ansatz, um mit ihnen umzugehen. Meiner ist, das Original als ersten Song zu betrachten, die Bearbeitung als zweiten. Um den ersten Song spielen zu können, muss ich den zweiten Song schreiben.

In der Spex-Review steht „Trümmermusik und Steinbruchtexte“ – gefällt dir diese Beschreibung?

Kristof: Sie klingt nach Maloche mit Verletzungsgefahr. Wenn deren Ergebnis wie aus dem Steinbruch wirkt, dann ist es Rohmaterial. Unfertig. Kohle, noch lange kein Diamant. Die Sache ist nicht zu Ende gebracht worden. Viel (Porzellan) musste kaputtgemacht werden, sonst hätte es ja keine Trümmer gegeben. Dabei ist fraglich, ob sich der Aufwand überhaupt gelohnt hat, da die Trümmer ja immer noch rumliegen sollen. In den Wörtern, Sätzen, Liedern.

Auch möglich wäre, dass mittendrin die Einsicht kam, an einem Irrtum zu arbeiten. Dann würde es sich bei dem Steinbruch mit den Trümmern um das Museum eines Fehlschlags handeln.

Hast du das Gefühl, deine eigene Stimme „neu entdeckt“ zu haben?

Kristof: Dazu eine Anekdote: Die Kolossale Jugend ging das erste Mal ins Studio, um aufzunehmen. Es machte Spaß, Pascal Fuhlbrügge, Klaus Meinhardt und Christoph Leich zuzuhören und zuzusehen, wie sie Gitarre, Bass und Schlagzeug aufnahmen. Danach war ich dran. Anschließend mischte der Produzent Carol von Rautenkranz. Gitarre, Bass und Schlagzeug klangen gut, ich mochte die Songs. Aber dann mischte Carol den Gesang. Das heißt, er fing damit an, indem er Bass, Gitarre und Schlagzeug herunterdrehte. Nun hörte ich zum ersten Mal meine Stimme allein über ein Mischpult. Laut und ohne weitere Instrumente. Es war, kurz gesagt, grauenvoll. Ich wäre gern im Boden versunken, so sehr schämte ich mich. Vielleicht hat sich das mit der Zeit etwas geändert.

„It’s the singer, not the song“: Findest du das auch oder ist es genau umgekehrt?

Kristof: Als Mick Jagger das Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gesungen hat, beschrieb er damit einen Moment von Selbstbewusstsein. Das brauchte er bestimmt auch, um vor Leuten mehrfach „Ich kriege keine Befriedigung“ zu rufen.

Seitdem wird „It’s the singer, not the song“ häufig zitiert. Es bedeutet in etwa, dass sowohl Melodie als auch Text egal sind, weil es nur drauf ankommt, WER sie vorträgt. Caruso, Sinatra, Callas, Antony and The Johnsons oder Florence and the machine könnten demnach Telefonbücher skandieren, wir wären trotzdem gerührt. Die Platte Bourgeois With Guitar geht nun davon aus, dass man es sich gar nicht leisten kann, nur den Sänger wichtig zu nehmen. Stattdessen zählen beide, auf beide kommt es an. It’s the singer, it’s the song. Und Tobias Levin.

Welche/n Sänger/in verehrst du und warum?

Kristof: Sandra Grether. Und Kerstin Grether. Und umgekehrt. Früher wegen Parole Trixi, heute wegen Doctorella. Die Band hat gerade ihre Single „Lass uns Märchenwesen sein“ vorgestellt und bereitet sich auf die Aufnahmen für ihr erstes Album vor. Ich bin gespannt.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Christina Mohr. (Link zum Interview)

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